Vor zehn Jahren war ich gerade dabei, meine erste standesamtliche Trauung vorzubereiten.
Im Juni 2010 heiratete ich meinen ersten Ehemann. Ich lebte damals in München und hatte einen großen Freundeskreis – sowohl in München als auch in Oberfranken, wo wir beide aufgewachsen waren und wohin wir ein Jahr später zurückziehen sollten.
Ab der Trauung ging es steil bergab, das Verhalten des Mannes mir gegenüber wurde immer negativer und es wurde mehr zur Belastung als zum großen Glück. Ich war gefangen in einer toxischen Beziehung und den Minderwertigkeitskomplexen, die mir über viele Jahre anerzogen worden waren. Trug ich damals round about 110kg mit mir herum, verlor ich mich in der Aussicht, ohnehin nie wieder einen anderen Mann zu finden. Ich sah lange Zeit keinen Ausweg – ich litt und ertrug. Eine Zeit lang dachte ich sogar über Selbstmord nach. Gesprochen habe ich damals mit niemandem darüber – weil ich mich schämte. Es war mir unangenehm, zuzugeben, dass ich mich so behandeln lies.
Glücklicherweise schaffte ich den Absprung und trennte mich im Sommer 2012. Für mein Umfeld jedoch kam es sehr überraschend. Ich stieß auf sehr viel Unverständnis. Fast alle wandten sich ab – der Umzug von Oberfranken zurück nach Oberbayern aufs Land tat sein Übriges.

In den letzten 10 Jahren hat sich Vieles verändert. Ich würde sogar sagen, Alles.
Ich bin erwachsener geworden und an den negativen Erfahrungen gewachsen – an denen von 2010-12 genauso wie an denen der letzten Jahre.
Inzwischen kann ich guten Gewissens sagen: ich bin im Reinen mit mir selbst, weis was ich will und was mir wichtig ist und stehe dafür ein.
Was sich allerdings nie wieder erholt hat, ist mein Sozialleben. Inzwischen bin ich 33 Jahre alt und damit in einem Alter, in dem jeder sein eigenes, volles Leben hat. Noch dazu leben wir in einer Welt, in der es immer schwieriger wird, Menschen kennen zu lernen, da jeder auf sich selbst fokussiert ist.
Ich habe ein paar wenige alte Bekannte aus verschiedenen Lebensphasen, mit denen ich sporadisch Kontakt habe – die aber auch alle ziemlich weit entfernt über ganz Deutschland verteilt leben. Und es gibt ein paar Bekannte in Leipzig, mit denen ich mich hin und wieder auf nen Kaffee oder ein Bier treffe und über eher oberflächliche Dinge oder die Kinder rede.
Was es nicht gibt, ist Jemand, den ich auch mitten in der Nacht anrufen kann, wenn es mir schlecht geht. Was es nicht gibt, ist Jemand, der spontan auf ein Bier vorbei kommt. Was es nicht gibt ist Jemand, mit dem man die ganze Nacht durchquatschen kann. All das vermisse ich inzwischen sehr!
Uns Eltern wird oft nachgesagt, dass wir keine anderen Themen mehr hätten als die Kinder. Mit geht es genau anders herum – ich würde gerne mal über andere Dinge reden als die Kinder und alles, was damit zu tun hat. Mir fehlt ein Ausgleich zu meinem kinderlastigen Alltag. Mal wieder Mensch sein und nicht nur Mutter.
Was die Sache nicht leichter macht, ist die Tatsache, dass ich mit Frauen und im speziellen mit anderen Müttern nicht so gut kann. Ausnahmen gibt es natürlich manchmal. Seit jeher war ich primär mit Jungs bzw. später dann Männern befreundet – dass ich mit denen eher auf einer Wellenlänge bin, ist noch immer so. Aber seien wir mal ehrlich: wenn zwei Frauen sich gut verstehen und sich auf nen Kaffee treffen, ist allen klar, dass es ein freundschaftliches Treffen ist. Schlägt Frau einem Mann ein Treffen auf nen Kaffee oder n Bierchen vor, steht sofort der Gedanke an ein Date im Raum. Die Menschen machen sich leider viel zu oft Vieles zu kompliziert.


Vor 10 Jahren ging es mir mit meinem sozialen Umfeld super und mit mir selbst scheiße.
Heute geht es mir mit mir selbst super und mit meinem sozialen Umfeld nicht so gut.
Wer weis – vielleicht ist in 10 Jahren ja beides tutti. Ich lass mich überraschen.

Oder gibt es im Leben immer nur entweder oder?!

Mitte Mai 2020