Silvester 2019 hatte ich bewusst allein verbracht. Die Kinder waren beim Papa und ich wollte das ereignisreiche Jahr mit Trennung, Diagnose des Großkindes und anderen Ereignissen bewusst für mich ausklingen lassen.

Damals hatte ich nicht damit gerechnet, dass 2020 noch aufregender werden würde.

 

Zum Jahreswechsel lagen knapp drei Monate Alleinerziehenden-Dasein hinter mir. Monate, die überraschend entspannt gelaufen waren. Monate, in denen ich viele Überstunden abgebaut hatte, vor allem an den Samstagen – und so vergleichsweise oft ausschlafen konnte.

 

Das änderte sich zu Beginn des neuen Jahres jedoch sehr schnell. Mit dem neuen Jahr begann der übliche, ursprünglich angedachte Ablauf. Ich arbeitete drei Samstage im Monat, ein Wochenende pro Monat hatten die Kinder Mama-Wochenende. Zwei Wochenenden im Monat waren betreuungstechnisch aufgeteilt, sodass die Jungs Freitag bis Samstag beim Papa waren, ich am Samstag arbeitete und danach die Kinder hatte. Ausschlafen konnte ich somit nur einmal im Monat – am Sonntag des Papa-Wochenendes. Das Ganze begann, sich nach wenigen Wochen zu rächen. Das Schlafdefizit wurde von Woche zu Woche größer. Ich wurde immer gereizter und die Kinder wurden mehr und mehr die Leidtragenden. Mitte/Ende Februar war ich so durch, dass ich meine Hausärztin aufsuchte, die mich erstmal für zwei Wochen krank schrieb. Damit ich mal zur Ruhe kommen konnte – soweit die Theorie. Leider ging der Schuss nach hinten los. In der Praxis hatte ich fast durchgängig ein krankes Kind zu Hause oder war selbst krank. Die Krankschreibung wurde um zwei Wochen verlängert. Wie gerne wäre ich damals für ein paar Tage an die Ostsee gefahren! Dafür hätte allerdings der Papa die Jungs nehmen müssen – woran es letztlich scheiterte.

Mitte März, in der dritten Woche meiner Krankschreibung starteten wir ins Wochenende mit dem Wissen, dass in der darauf folgenden Woche die Kitas schließen würden – wann genau, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

 

Ich startete in den Lockdown mit einem riesigen Respekt. Allein mit drei kleinen Kindern und das rund um die Uhr. Freizeitmöglichkeiten fielen praktisch alle weg, sogar Besuche auf dem Spielplatz. Der Papa arbeitete unter der Woche, die Großeltern gingen auf Abstand. Letztendlich war es aber die entspannteste Zeit, die wir jemals hatten. Das Geheimnis: ich bekam endlich ausreichend Schlaf, da ich schlafen konnte, bis die Kinder mich weckten. Keine Termine, kein Stress. Wir versuchten zwar, eine gewisse Tagesstruktur beizubehalten, waren dabei aber selbstbestimmt. Die Kinder waren auch entspannter als erwartet. Sie genossen es, viel Zeit zum Spielen zu Hause zu haben. Erst nach einigen Wochen begannen sie, die Kita zu vermissen.

Während des Lockdowns war ich überaus froh, dass ich zum Einen noch kein Schulkind hatte, mit dem ich zusätzlich noch Schularbeiten machen musste. Zum Anderen war ich froh, kein Einzelkind zu haben – denn die Jungs waren zu dritt, sie hatten ihre Spielkameraden zu Hause. Und was auch klar war: Mit drei so kleinen Kindern würde Arbeit im Homeoffice nicht in Frage kommen. Es war also eine reine Familienzeit, die wir wochenlang unter der Woche genießen konnten, samstags war ich arbeiten.

Anfang Mai, mit der x-ten Verordnung, durfte dann zunächst das Großkind in die Kita gehen, weil es ein Integrationskind war. Zwei Wochen später durften dann endlich alle wieder die Kita besuchen.

 

Nach Ende des Lockdowns kamen dann auch viele der vorübergehend brach liegenden Dinge wieder in Gang. Das Großkind startete wieder wie gewohnt mit der Ergotherapie. Auch die Frühförderung konnte wieder stattfinden, wenn auch zu Hause.

Und auch der Antrag auf Schulbegleitung, den ich bereits im Februar gestellt hatte, kam in Gang, wenn auch sehr schleppend. Es wurden Gutachten eingeholt und Berichte geschrieben. Ich war im engen Kontakt mit dem Jugendamt, aber es war sehr mühsam. Je mehr Zeit verging und je näher der Schulbeginn des Großkindes rückte, umso nervöser wurde ich. Mir war klar, dass für uns als Familie unglaublich viel an dieser Schulbegleitung hing. Alle, inklusive mir selbst, waren sich einig: ohne Schulbegleitung wäre das Großkind kaum beschulbar. Dann würde ich jedoch nicht mehr arbeiten können, würde meinen Job verlieren und irgendwann auch die Wohnung. Mit den Wochen, die vergingen, wuchs meine Existenzangst. Als Anfang Juli, die Sommerferien in greifbarer Nähe, noch immer alles offen war, ging es mir so schlecht, dass ich beim Gedanken an das Thema Schulbegleitung Panikattacken bekam. Mein Brustkorb schnürte sich zu und ich bekam kaum noch Luft.

 

Es folgte Mitte Juli also der nächste Besuch bei meiner Hausärztin. Sie schrieb mich bis Ende des Monats krank – danach hatte ich ohnehin erst Urlaub und im Anschluss einen Monat Elternzeit, um die Einschulung meines autistischen Sohnes vernünftig begleiten zu können. Parallel hatte ich auch schon einen Facharzttermin in einer neurologischen Praxis gemacht – dieser würde aber erst im Herbst stattfinden.

 

Im August fuhren wir in unseren lange geplanten Urlaub auf Borkum. Wenn ich ehrlich bin, fuhren wir überhaupt nur deshalb, weil die Kinder sich das wünschten. Urlaub mit drei kleinen Kindern ist Stress. Aber wenn eines davon auch noch ein autistisches Kind ist, erhöht sich der Stress für alle, denn Autismus und fremde Umgebung vertragen sich leider so garnicht.
Daher würde ich natürlich nicht allein mit den Kindern eine Woche weg fahren. Mit uns fuhr ein befreundetes Paar. Allerdings sind meine Kinder sehr Mama-bezogen und waren noch aufgedrehter als ich es erwartet hätte. Daher war die Entlastung auch geringer als erwartet. Als wir wieder nach Hause kamen und auch in den Tagen nach dem Urlaub hätte ich gesagt: nie wieder Urlaub mit den Kindern! Aber: den Kindern hat es gefallen und sie hatten Spaß. Und das ist doch die Hauptsache. Und so im Nachhinein betrachtet war es auch garnicht so übel.

 

Der Kampf um die Schulbegleitung zog sich weiter hin und war gegen Ende, in den letzten Wochen der Sommerferien, nochmal richtig hart. Da wusste ich dann auch, dass die Elternzeit definitiv die richtige Entscheidung gewesen war!

Am Ende wurde jedoch alles gut. Das Großkind wird seit Ende August im Unterricht und im Hort von demselben Pädagogen begleitet wie bereits im letzten Kita-Jahr und das Ganze in einem Umfang von 35 Stunden pro Woche. Ein absoluter Glücksfall. Die Ferien sind jedoch mit viel Jonglieren meinerseits verbunden – pro Ferienwoche gibt es nämlich nur 15 Stunden Begleitung pro Woche.

 

Das Großkind ist nach wie vor ein überaus stolzes Schulkind. Und er macht sich wirklich so unglaublich gut. Er saugt die Informationen und das Wissen auf wie ein Schwamm. Und auch im sozialen Bereich läuft es besser als in der Kita. Ich bin unglaublich stolz auf ihn! Auch, weil er für sein Alter schon unglaublich gut lesen, schreiben und rechnen kann und damit immer wieder Jeden verblüfft. Das Interesse für Zahlen und Buchstaben war bei ihm ja auch schon recht früh sehr ausgeprägt.

 

Anfang Oktober ging es dann für mich zum neurologischen Facharzttermin. Die Panikattacken waren zum Glück nicht mehr da, da der Auslöser nicht mehr da war. Was aber nach wie vor da war, und das bereits seit Februar, waren zwei Dinge: zum Einen eine gewisse Antriebslosigkeit. Ich konnte mich kaum noch aufraffen, Etwas zu machen. Vor allem dann, wenn es nichts gab, was ich wirklich machen musste, sondern mal Etwas für mich hätte tun können. Wenn ich Zeit für mich hatte, verbrachte ich diese im Grunde nur noch allein zu Hause und genoss die Ruhe. Dem Gegenüber stand eine absolute innere Ruhelosigkeit. Mein Kopf rotierte unentwegt. Zum Anderen merkte ich immer wieder, dass es mir, zumindest im Umgang mit den Kindern, schwer fiel, mit Stresssituationen adäquat umzugehen. Ich wollte daran unbedingt Etwas ändern, da meine Kinder es besser verdient haben.

Seit Anfang Oktober nehme ich nun ein leichtes Antidepressivum, mit dem es mir tatsächlich besser geht. Darüber hinaus mache ich, zumindest theoretisch, eine psychotherapeutisch gestützte Ergotherapie. Praktisch sind wir hierbei allerdings auf Grund von Krankheit des Therapeuten, Quarantäne und Lockdown noch nicht weit gekommen.

Anfang Januar steht noch eine ausführliche Diagnostik an.

 

Nach dem ersten Lockdown waren wir schon geübt, was das zu viert zu Hause sein betrifft. Doch im November kam es noch ein Stückchen härter: nachdem der Hort-Erzieher seiner Klasse positiv auf Covid-19 getestet worden war, war das Großkind in Quarantäne – und mit ihm wir alle, da ich ihn nicht allein zu Hause lassen könnte. Der große Unterschied zum Lockdown: wir konnten nicht raus gehen. Schnell merkte man, dass frische Luft und zumindest ein bisschen Auspowern einfach fehlten. Und zwar uns allen. Auch ich hatte mich wohl noch nie so sehr auf die Arbeit gefreut wie am ersten Tag nach der Quarantäne.

Aber das Gute war: dadurch war ich abgehärtet. Daher blickte ich dem zweiten harten Lockdown im Dezember auch sehr positiv entgegen. Wie erwartet waren die Tage wieder sehr entspannt. Wir hatten zwar eine Struktur, starteten aber entspannt und ausgeschlafen in den Tag – was unglaublich viel ausmachte. Das Großkind hatte den Luxus, dass während der Schulzeit sein Schulbegleiter täglich vier Stunden nach Hause kam und mit ihm Schularbeiten machte und spielte. Und ich habe erstmal meinen Resturlaub abgebaut und nur noch samstags gearbeitet.

 

 

2020 ist Viel passiert – im Großen wie auch im Kleinen.

Und ganz ehrlich? Auch wenn nicht alles gut war, ich möchte dieses Jahr und die Erfahrungen, die ich machen durfte, nicht missen!

 

Ins Jahr 2021 starte ich relativ entspannt. Ich weis, dass auch das neue Jahr wieder viele Herausforderungen mit sich bringen wird. Aber ich weis auch, dass am Ende alles gut werden wird.

 

Ende Dezember 2020