Morgen ist es soweit – das Großkind wird fünf Jahre alt.

Während grob geschätzt 99% meines Umfeldes immer sagt, seit sie Kinder haben, vergehe die Zeit schneller oder würde gar rasen, empfinden sowohl mein Mann als auch ich das seit jeher anders. Bei uns vergeht die Zeit gefühlt langsamer seit wir Kinder haben.
Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe:
Zum Einen arbeiten wir beide nicht mehr so viel. Vor den Kindern haben wir beide 60-80 Stunden pro Woche gearbeitet. Für mich war das mit dem ersten Mutterschutz im Dezember 2013 schlagartig vorbei. Von einem Tag auf den anderen arbeitete ich plötzlich garnicht mehr. Für meinen Mann war das Ganze etwas später vorbei, nämlich kurz vor der Geburt des Mittelkindes durch Umzug gefolgt von 7 Monaten Elternzeit und anschließend neuem Job, in dem er nur noch die ganz normalen 40 Stunden pro Woche arbeitet. Da das Großkind aber ein Januar-Kind ist und der Chaosmann zu dem Zeitpunkt wie jedes Jahr in der Winterpause war, war er auch beim ersten Kind die ersten beiden Monate mit zu Hause.
Zum Anderen ist in den letzten fünf Jahren in unserem Leben einfach so unglaublich viel passiert, dass es auch für zehn Jahre ausreichen würde.

Das Mutter-Werden und Mutter-Sein hat unglaublich viel geändert – vor allem in mir. Meine Prioritätensetzung ist eine ganz andere – was gerade am Anfang ein großer Kauf war. Die Tatsache, dass ich meinen hart erarbeiteten Traumjob wieder aufgeben musste, hat mich damals in ein großes tiefes Loch gestürzt. Auch die Tatsache, dass ich damals auf Grund fehlender Betreuung nicht gleich nach dem Mutterschutz wieder arbeiten konnte, nagte längere Zeit an mir. Rückblickend war es aber mehr als gut so, wie es war!

Heute kommen für mich an allererster Stelle meine Kinder, gefolgt von meinem Mann. Erst danach kommen Freunde und die Arbeit.

Freunde – auch so eine Sache, die sich in den letzten fünf Jahren unglaublich gewandelt hat. Erst sechs Monate bevor ich mit dem Chaosmann zusammen gekommen war, hatte ich mich von meinem Ex-Mann getrennt. Die allermeisten „Freunde“ hatten sich durch die Trennung abgewandt, auch durch meinen kurz darauf folgenden Umzug von Oberfranken nach Oberbayern hatten sich einige Freundschaften einfach aus einander gelebt. Als ich dann mit dem Chaosmann zusammen kam und nur zwei Monate später ungeplant schwanger wurde, stieß ich auch bei den übrig gebliebenen Freunden auf Unverständnis und stand ziemlich allein da. Nach der Geburt des Großkindes, als auch die Arbeit und das damit verbundene Sozialleben weggefallen war, war mein Leben und mein Gefühlsleben von Einsamkeit bestimmt. Es war für mich, in emotionaler Hinsicht, eine unglaublich harte Zeit! Im September 2015, gut 19 Monate nach der Geburt, zogen wir von Oberbayern nach Leipzig – wo ich endlich wieder begann zu leben statt nur zu existieren. Hier fand ich nach und nach auch wieder sehr gute Freunde, die nun wichtige Wegbegleiter von mir und meiner Familie sind. Glücklicherweise gibt es den ein oder anderen, der von früher übrig geblieben ist – aber diese Menschen leben weit entfernt und spielen im Alltag leider keine so große Rolle.

Auch die Art und Weise, wie ich mich selbst sehe, hat sich stark gewandelt.
Früher war meine Selbstsicht geprägt durch Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe. Kurz nach der Geburt des Großkindes war ich absolut gar kein Fan von mir. Ich hasste mein Aussehen, ich hatte durch das Wegfallen der Arbeit keine positive Rückmeldung zu meinem Tun, ich saß in einer ungeliebten Umgebung fest.
Heute lebe ich im Einklang mit mir selbst. Mein Gewicht ist zwar noch immer nicht so, wie es sein sollte, aber ich kann es als Zwischenstand akzeptieren – und vor allem dominiert das Thema Abnehmen nicht mehr mein Leben und mein Denken. Es ist okay, wenn es Wichtigeres gibt. An manchen Tagen finde ich mich selbst auch ziemlich geil. Ich arbeite wieder und habe Spaß an dem, was ich tue. Aktuell habe ich eine 16Stunden-Anstellung, in die ich so reingerutscht bin und die glücklicherweise recht familienkompatibel ist. Zusätzlich gebe ich ab und an eine Woche oder ein Wochenende Seminar – was für mich gefühlt Urlaub und meine Auszeit ist. Wenn ich auf Seminar bin, kann ich nur ich sein – ich muss mir keine Gedanken über Alltag, Haushalt, Kinder, Termine oder ähnliches machen, sondern mich auf die Arbeit konzentrieren. Wenn ich noch dazu in Oberbayern auf Seminar bin, was ein paar Mal im Jahr vor kommt, kann ich zusätzlich die Abende nutzen, um mich mit alten Freunden zu treffen.
In den letzten Jahren gab es für mich persönlich viele harte Zeiten. Zeiten, in denen ich meine eigenen Bedürfnisse hinten an gestellt habe, und selbige einfach hinten runter fielen. Zeiten, in denen ich selbst und meine Bedürfnisse mir auch schlichtweg egal waren. Zeiten, in denen ich nur irgendwie funktionierte. Inzwischen habe ich einen ganz guten Weg gefunden, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen – die Kinder, die Familie als ganzes, aber auch meine eigenen Bedürfnisse als Mama und als Frau. Das ist auch unglaublich wichtig, denn wenn man selbst glücklich ist, haben die Kinder auch viel mehr davon als von einer frustrierten, unglücklichen Mama. Auch die Suche nach einem guten Weg, um Arbeit und Familie zu vereinbaren, hat lange gedauert. Aber ich muss sagen, dass ich mit der aktuellen Situation absolut zufrieden bin.

Leider hat das Großkind selbst es nicht immer leicht. Mit seinen fast fünf Jahren hat er zwei kleine Brüder im Alter von drei Jahren und einem Jahr. Da vergisst man leider oft, dass auch er selbst noch ein kleines Kind ist. Hinzu kommen seine Besonderheiten. Aktuell hat er eine ärztliche Verdachts-Diagnose auf Asperger-Autismus. Oft wünschte ich, er hätte eine feste Diagnose, damit es vom Umfeld etwas ernster genommen werden würde. Aber ich fürchte, selbst mit einer solchen wird es immer schwer werden, da es einfach nicht so greifbar ist wie andere Krankheiten oder Beeinträchtigungen. Es bricht mir das Herz zu sehen, wie verzweifelt er manchmal ist, wenn er selbst nicht weis, warum er sich verhält wie er sich verhält.
Umso mehr hoffe ich, dass er morgen einen wundervollen Tag haben wird. Und nicht nur morgen – denn der Geburtstag wird gleich mehrmals gefeiert. Morgen feiert er im Kindergarten, am Freitag gibt es dann den exklusiven Tag mit Mama und Papa, wo wir auf Wunsch des Kindes ins Schwimmbad gehen werden. Am Samstag steht dann der Kindergeburtstag an und nächstes Wochenende dann nochmal eine Feier mit der Familie.

 

 

 

16.01.2019